Montag, 02 Juli 2018 15:00

Führt der Wunsch nach Entwicklung zur Entwicklung?

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Führt der Wunsch nach Befreiung zur Befreiung? Wenn die Dinge schlecht laufen, oder zumindest nicht gut, möchten die meisten Menschen eine Veränderung. Die Situation soll sich verbessern, selbst will man sich wieder wohler fühlen und schön wäre es, wenn man frei von Beschwerden wäre.

Der Motor, der hinter diesen Wünschen steht kann ein gewaltiger sein. Die Anstrengungen, die unternommen werden, gleichen Herkulesarbeiten und gehen oft mit einem größeren finanziellen Aufwand einher. Andere nehmen weniger Arbeit auf sich und ihr Einsatz ist bescheidener. Wie auch immer es ist, es ist gut, sich besser fühlen zu wollen. Es ist gut, einiges dafür zu tun. Die Angst vor dem Ausgeliefertsein und das Gefühl der Ohnmacht lassen sich damit auch in die Schranken weisen. Wer sich bewegt, kommt weiter. Und dann gibt es noch die Personen, die praktisch nichts oder sehr wenig machen und die Dinge laufen lassen, wie sie sind. Und dies ist genauso in Ordnung. Und natürlich gibt es noch allerlei Mischformen und schließlich hängt die Freude an der psychischen Bewegung auch noch von vielen anderen Umständen ab. Ob dabei das eigene Leid erkennbar nach außen getragen wird oder nicht tut in diesem Blogeintrag nichts zur Sache.

Doch wer rege wird, will etwas. Denn das, was ist, lehnt er ab. Wer dann weiter den Weg der eigenen Entwicklung geht (Entwicklung ist ein so schönes Wort. Versuche dich selbst als “verwickelt” wahrzunehmen und spüre nach, wie du “entwickelt” wärst) kommt zum Punkt, dass es etwas Inneres gibt, dass sich befreien möchte. Das wahre Selbst - so meint man - möchte nach außen treten und sich präsentieren. Man kann auch sagen, dass man den Wunsch nach Authentizität des eigenen Seins spürt und sich deswegen weiter bewegt. Die Vorstellung vieler ist, dass sich damit so einiges im Leben verändern sollte: Beziehungen, Beruf, Gesundheit. Angenommen, du bist in diesen Dingen angekommen, hast geschafft, worum viele arbeiten: Beziehungen laufen nun besser, das berufliche Umfeld für mehr Zufriedenheit ist gefunden und der Körper zeigt sich stabiler. Bist du dann das, was du bist? Hast du dann dein Innerstes nach Außen getragen und lebst dein wahrhaftiges Sein? Ich denke, dem wird nicht so sein. Aber ich gratuliere dir aufrichtig zum besseren und angenehmeren Leben. Es ist schön, diese Bereiche in Harmonie zu erfahren und habe Freude daran. Doch frage ich nochmals: Lebst du dann wirklich dein wahrhaftiges Sein? Was ist dieses wahrhaftige Sein? Wer ist glücklich? Der Mensch oder dein wahrhaftiges Sein? Bei dieser Frage gehe ich davon aus, dass du mittlerweile für dich erkannt hast, dass du nicht der Mensch bist, sondern durch diesen Menschen gelebt wird. Wie ist deine Herangehensweise ab diesem Stand der “Entwicklung”? Soll es nach wie vor dem Menschen besser gehen?

Natürlich sind Aktionen zu setzen: Entweder veränderst du, wenn du verändern kannst oder du gehst, wenn dies sinnvoller erscheint oder harrst aus, weil du dafür deine Gründe hast. Was auch immer dann geschieht. Doch lässt du den ganzen Druck und die Erwartungen und Forderungen sein, die du an dich und andere stellst, verändert es deinen Zugang zum Moment enorm. Warum solltest du etwas anderes erreichen WOLLEN, haben WOLLEN, denn das Leben drückt sich gerade durch dich in dieser Form aus und das impliziert, dass es so sein darf. Ob es gut ist, steht auf einem anderen Blatt und aus menschlicher Sicht ist es das meist nicht. Aber - stell dir vor - es darf sein! Es darf wirklich und wahrhaftig sein, denn sonst wäre es so nicht geschehen, etwas wäre geschehen, was das verhindert hätte. Und dies bezieht sich natürlich auch auf deine gesamte Vergangenheit. Aus diesem Ansatz heraus, kann man gleich das ganze Wehrhafte sein lassen und durch die völlige Akzeptanz dessen, was ist, in Aktion treten. Wenn du es schaffst, in völliger Akzeptanz zu sein (oder zumindest deine Widerstände mehr und mehr aufgibst) erweitert sich dein Ressourcenpool enorm. Eine andere Kraft tritt zutage. Stell dir vor, wie es wäre keinen Widerstand zu haben und fühle, um wie vieles weiter und freier und auch kraftvoller du dann bist. Fühle, wie es ist, wenn es nicht darum geht, etwas für dich verändern zu müssen, sondern das Leben selbst dafür sorgen zu lassen, ob etwas verändert wird oder nicht. Das bedeutet, dass deine Widerstandslosigkeit bewirkt, dass das Leben und die Lebenskraft durch dich fließen und deine weiteren Entscheidungen hervorbringen - wo auch immer die hin führen. Zu erkennen, dass da nichts zu verändern ist, weil das Leben sich gerade perfekt ausdrückt und es möglich ist, aus diesem Sein heraus anderes zu erleben oder eben genau das was schon ist, ist in beiden Fällen befriedigend.

Alles darf sein, was gerade ist. Solltest du den Wunsch nach Veränderung einer Situation haben, dann darf dieser Wunsch sein, weil er gerade ist - nur zum Druck oder insgeheimen Motor sollte er nicht werden. Und dennoch sollte auch die vermeintliche Disharmonie sein dürfen, weil sie zeitgleich mit dem “Wunsch nach Befreiung” existiert. Wenn du einen der beiden Zustände weniger akzeptierst / annimmst, unterdrückst oder mehr Druck zu ihm aufbaust, lässt du nicht alles sein, was (gerade) ist und bindest Kraft. Es ist der Widerstand, der schwächt.

Bitte nicht glauben, dass du einen Zustand nicht haben dürftest oder solltest. Das Gegenteil ist der Fall, alles darf sein und mit alles ist alles gemeint. Krank zu sein und zu sagen, ich darf (sollte) den Wunsch nach Genesung nicht haben (dürfen), weil man die Krankheit annehmen muss läuft in die verkehrte Richtung. Nimm an, was da ist, immer mehr und mehr und damit nimmst du das Leben in seiner Gesamtheit an, was wiederum zu verstärkten Strömen des Lebens durch deine menschliche Form führt. Und dann lebst du.