Mittwoch, 04 Juli 2018 21:46

Jenseits und Nahtoderfahrungen

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Wo und was sind wir nach dem Sterben? Der Wunsch zu wissen, was mit uns geschieht, wenn wir sterben ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Kein Wunder, dass es so viele Geschichten, erzählte Erlebnisse, Erfahrungen und Thesen dazu gibt. Aber wie wäre es, sich von allen Vorstellungen, Hoffnungen und Wünschen frei zu machen und das jenseitige einfach auf sich zukommen zu lassen?

Betrachten wir den Vorgang nüchtern, kann keiner wissen, was nach dem Ableben geschieht. Es ist auch noch keiner zurückgekommen, nachdem er - sagen wir - eine Woche tot war. Ja, ich weiß, es gibt nicht nur Nahtoderfahrungen, sondern auch Nachtoderfahrungen. Die Nachtoderfahrungen sind von Personen, deren Tod festgestellt wurde und dennoch wieder im Diesseits angekommen sind. So unwahrscheinlich dies medizinisch auch klingen mag. Das besondere dabei ist, dass es zwar Ähnlichkeiten im Sterbeprozess gibt, aber es dann durchaus zu unterschiedlichen Wahrnehmungen kommt. Und wenn man sich diese Wahrnehmungen durchliest, spiegelt sich in ihnen stets der im Leben angenommene Glauben wieder. Gläubige Christen erzählen oft von Orten, auf denen sogar die weltliche Ebene wieder erscheinen kann, samt Haus und Vorgarten. Oft wird die Wiederaufnahme einer Gemeinschaft mit bereits Verstorbenen erlebt. Oder es begegnen ihnen Jesus, natürlich auch Maria als Wegweiser. Ich kann hier nicht die gesamte Bandbreite der christlichen Erfahrungen wiedergeben, ich möchte nur darauf hinweisen, dass das Todeserfahrungen von dem abhängen, was im Leben geglaubt wurde. Die Welt, die man sich im Leben erschaffen hat, durch seine Gedanken und Gefühle geht weiter. Ein jeder landet wohl zuerst auf der Ebene, die ihm selbst entspricht. Selbst Höllenerfahrungen gibt es. Buddhisten hingegen dürfen eine herrliche Weite und Leere erfahren, Hinduisten begegnen einem ihrer Götter. Selbst Atheisten haben Erlebnisse. Mein Vater erzählte von seiner Nahtoderfahrung nach einem Herzinfarkt. Er war Atheist, Religion und Spiritualität waren für ihn belanglos und dennoch ging er einem Licht entgegen an dessen Ende zwei seiner drei besten Freund (beide bereits verstorben) auf einer Bank saßen und auf ihn warteten. Weil der dritte Freund nicht dabei war (der wohl noch lebte), wusste er, dass es nicht an seiner Zeit war zu sterben und kehrte zurück. Er wäre gestorben, hätte der dritte Freund auch seiner geharrt. Mit diesen drei Männern hatte er gemeinsam die Kriegszeit erlebt und sie waren ihm sehr nahe gewesen. Er verband mit dieser Zeit und in diesen Freundschaften auch ein eigenes Lebensgefühl und damit war es ihm möglich, sie als Zeichen in seinem Übergang bzw. Nicht-Übergang erscheinen zu lassen. Als er dann wirklich starb, kam er nicht zurück um zu erzählen, ob er wieder auf seine Freunde getroffen war, oder ob er einfach gestorben ist - ohne sie.

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit! Einer der wenigen Sätze, die wohl wirklich stimmen. Dort, wo ich meinen Glauben mit bestimmter Vehemenz (gleich ob bewusst oder unbewusst) auslebe, mache ich meine Erfahrungen. Auch im Sterbeprozess. Wie könnte es auch anders sein? Das Bewusstsein verlässt den Körper, woraufhin der zur Funktion nicht mehr fähig ist. Wer schon einmal einen Verstorbenen gesehen hat, weiß dass der leblose Körper auch genauso wirkt, wie er ist: leblos. Alles, was ihn Ausdruck und Persönlichkeit verlieh ist geschwunden, nicht mehr existent. Das Bewusstsein hat ihn verlassen und damit bleibt wirklich einfach eine Hülle zurück, die seltsam leer und bewusstlos wirkt. Doch das Bewusstsein ist nicht vergangen, nur gegangen - woanders hin und so, wie das Bewusstsein in der Welt seine Umgebung geschaffen hat, so wirkt es sich auch (zumindest anfangs, niemand weiß, was danach ist) aus: Es hat flugs seine erwartete Umgebung geschaffen.

Ich habe einmal die Geschichte eines jungen Mannes gelesen, der zweimal (!) als klinisch tot galt. Als bekennender Atheist erlebte er folgendes: Nichts. Er fiel in eine lichtlose Leere und da war nichts. Und am ehesten konnte er es mit einem Tiefschlaf vergleichen. Aber die Hauptbotschaft war, dass da nichts war. Dadurch, dass da nichts war, war auch das dunkle Nichts keiner Emotion wert, weder angenehm noch unangenehm. Er hatte damit die Angst vor dem Tod überwunden, denn er wusste nun, dass er nichts ist, der Tod. Wie kann das sein, wenn doch die meisten anderen der Nahtoderfahrenen von Licht, Wärme, Liebe, ihnen begegnenden Menschen erzählen? Dieser junge Mann erzählte weiter, dass im Grunde das eintrat, was er sich in seinem Leben zum Tod vorstellte: Dass da nichts mehr ist. Er war sich nur nicht sicher gewesen, ob das nun “angenehm” oder “unangenehm” sei. Jetzt wusste er es (für sich).

Kann es sein, dass wir durch unsere Erwartungen sogar beim Sterben gebunden werden? Ja. Zumindest anfangs. Wie es weitergeht, weiß ja schlussendlich niemand. Was wäre eine mögliche Erwartung dem Tod gegenüber? Gar keine. Hab einfach keine Erwartung. Wir können einzig davon ausgehen, dass das Bewusstsein in einer Weise weiter existiert. Selbst der junge Atheist empfand seinen Tod als Eintritt in einen Tiefschlaf (also nicht ohne Bewusstsein, sondern ein Schlaf) und man wird sehen, was weiter geschieht.

Mache dich frei von gehörten und gelernten Thesen zum Nachleben und stell dir vor, wie es wäre ohne Erwartungen zu sein. Wie frei du sein könntest! Natürlich geben Nahtoderfahrungen Hinweise auf das jenseitige und lassen manche Schlüsse zu. ABER (ein großes “aber”): In irgendeiner Weise sind diese Erfahrungen mit dem unbewussten Erwartungen, bei manchen auch mit bewussten Vorstellungen verknüpft. Übernimm nicht den Glauben anderer, sondern sei du selbst - dann wirst du es auch im Tod sein.