Samstag, 15 September 2018 12:22

Den Eltern nicht vergeben können

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Lange, lange sind wir von unseren Eltern psychisch wie physisch abhängig. Und oft auch noch in der einen oder anderen Art, wenn man längst erwachsen ist. Das kann sich dann in einem nicht vergeben können äußern (was die Eltern getan oder nicht getan haben), oder auch in einem aufrecht erhaltenen Glauben, zu wenig Liebe, Hinwendung oder Aufmerksamkeit erhalten zu haben - und noch einiges mehr.

Das alles mag richtig sein, Schmerzen und Verletzungen bis hin zu Traumen sind geschehen und reichen tief. Es erklärt aber nicht, warum man als erwachsener Mensch den Eltern noch immer Vorwürfe macht.

Falls du das auch von dir kennst - hier ein paar Hinweise, die dir helfen können, dich selbst zu hinterfragen:

 

Das eigene Überleben:

Es geht immer ums eigene Überleben. So, wie man als Kind psychisch und physisch von den Eltern tatsächlich (!) abhängig war und sogar glaubte sterben zu müssen, wenn man nicht genug Liebe von den Eltern erhielt, fühlt man unbewusst auch heute noch. Erlittene Verletzungen haben einem so sehr ums eigene Leben bangen lassen (selbst, wenn man diese Gedanken als Kind nicht klar im Kopf hatte), dass diese permanente unbewusste Überlebensangst einem daran hindert, loszulassen. Auch loslassen stellt eine Bedrohung dar, da man nicht weiß, was dann ist, was kommt, was geschehen mag. Das alles hat nichts mit Vernunft zu tun und lässt sich auch nicht rein mit dem Verstand lösen. Unbewusste Muster sind um vieles stärker und hebeln die Vernunft mit Leichtigkeit aus. Eine Prägung in der Kindheit ist die stärkste Prägung.

 

Erwartungen aus (d)einer falschen Position heraus:

Nein, Vater / Mutter hätten es nicht besser machen können, als sie es getan haben. Nein, es ist nicht so, dass sie es hätten besser wissen müssen. Nein, sie hatten keine Möglichkeit, etwas anders zu machen oder anders zu handeln oder dich anders zu behandeln. Und nein, sie konnten nicht mehr Liebe geben oder ihre Liebe anders zeigen. Warum? Weil sie sie sind und nicht du. Bitte mache dir klar, dass du nicht eine Sekunde - NICHT EINE SEKUNDE - das Leben der anderen gelebt hast. Nie, nie, nie warst du der andere: Nicht in seiner Zeugung, nicht in seiner Menschwerdung, nicht in seinem Leben! Nichts hast du durch die Augen des anderen erfahren, erlebt, gehört oder gefühlt. Kein einziger Gedanke von Vater / Mutter ist ident in seiner Entstehung im Vergleich zu deinen Gedanken. Und kein einziges Gefühl hat dieselbe Basis wie deine Gefühle. Nichts ist jemals bei dir so angekommen, wie es Vater / Mutter für sich erfahren haben. Nie ist etwas in genau der speziellen Art und Weise in deinem Leben geschehen, wie es bei Vater / Mutter der Fall war. Wenn du das verstehst, kann dir klar werden, dass du dir nicht ernsthaft von deinen Eltern erwarten kannst, dass sie sich anders verhalten hätten sollen. Mehr noch: Wie unsinnig so ein Gedanke ist und auch überheblich. Also begib dich nicht in eine Position, aus der heraus du selber nur falsch liegen kannst.

 

Die Verantwortung nicht übernehmen wollen:

Solange du deinen Eltern nicht wirklich vergeben kannst, solange du die Ereignisse nicht wirklich losgelassen hast, solange übernimmst du nicht voll und ganz Verantwortung für dein eigenes Leben. So, wie die Eltern früher für dich verantwortlich waren, möchtest du es nach wie vor haben. Vielleicht aus Angst, selber etwas im Leben verändern zu müssen, selber fürs eigene Leben gerade stehen zu müssen oder sonstigen Gründen. Diese Muster können sehr unbewusst und bindend sein. Aber es ist auch um vieles leichter, anderen die Schuld zu geben, als den Zorn auf sich selbst zu spüren, sich mit der eigenen Scham auseinanderzusetzen oder was auch immer dich in Wirklichkeit bedrückt.

 

Noch immer der Liebe der Eltern hinten nach laufen:

Solange du für dich besser sein möchtest, als du bist, wie: Ein besserer Mensch sein wollen / Besser im Beruf sein / mehr Erfolg haben / bestimmte Ziele für sich erreichen / … läufst du mit großer Wahrscheinlichkeit der Liebe deiner Eltern hinterher. Wem möchtest du gefallen? Deinen Eltern. Warum? Damit sie dich noch mehr lieb haben und dich mit noch mehr HInwendung belohnen, dafür, wie du bist? Denn würdest du dich um deinetwillen lieben, dann könntest du dich zuerst annehmen, so wie du bist und in der Lebenssituation, in der du dich befindest. Und dann hättest du eine andere Intention etwas verändern zu wollen. Egal, wie alt du bist, wenn du dich nicht voll und ganz lieben kannst, suchst du die Liebe deiner Eltern und bist abhängig von ihnen. Selbst, wenn sie schon längst verstorben sind.

 

Alle Abhängigkeiten von den Eltern schlagen sich im restlichen Leben nieder: In der Beziehung zum Partner, in der Beziehung zu den eigenen Kindern, im Familienleben, in Freundschaften, im Beruf, … Oft sind diese Abhängigkeiten nicht bewusst zu fühlen oder nur schwer zu erkennen. Bist du aber erwachsen und haderst mit deinen Eltern oder mit einem Elternteil, dann wird es wohl auch eine Abhängigkeit bzw. Teilabhängigkeit zu ihnen geben. Dort und in diesem Gefühl bist du dann Kind.

Die erste Maßnahme, um sich davon zu befreien ist sich klar zu machen, dass man den anderen gibt, was man selber haben möchte. Du möchtest von deinen Eltern so angenommen sein, wie du bist? Dann nimm sie an, wie sie sind. Verwehre ihnen nicht, was du selber für dich in Anspruch nehmen möchtest.

Dieser Blogeintrag mag dir helfen, eine weitere Erkenntnis zu dir zu haben oder ein bereits bestehendes Wissen wieder mehr ins Bewusstsein zu bringen. Niemand erwartet sich, dass mit einer banalen Erkenntnis alles getan ist. Aber vielleicht doch, wer weiß? Solltest du jedoch deine Verletzungen durch einen inneren Prozess auflösen, dann freue ich mich jetzt schon für dich: Denn am Ende wirst du auf dich treffen, in all deiner Kraft, Liebe und Schönheit!

 

(Natürlich gibt es weitere Gründe, warum jemand den Eltern nicht vergeben mag oder kann. In diesem Blogeintrag möchte ich nur ein paar aufzählen. Meine Erläuterungen sind auch nur knapp gehalten und können nicht allem gerecht werden.)