Montag, 10 Juni 2019 08:31

Vom Mensch-Sein und menscheln

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Dieser Blogeintrag ist der Beginn einer Serie mit vier Teilen, die sich mit der Entfaltung des Bewusstseins und den damit einhergehenden Schritten beschäftigt. Hier - im ersten Teil - geht es über das Mensch-Sein und menscheln.

Nichts ist so schwer wie das Mensch-Sein. Tatsache. Und dennoch verbeißen wir uns geradezu darin, diesen Status beizubehalten. Als Mensch erleben wir Höhen und Tiefen und eine unentwegte Unbeständigkeit dessen, was ist. Besser gesagt: Eine Unbeständigkeit dessen, von dem wir meinen, dass es ist. Und das tut weh. Niemand ist davor gefeit, Freude und Verluste zu erleben, selbst, wenn sie in unterschiedlicher Intensität empfunden werden. Das alleine wäre ja noch machbar, denn irgendwo wissen wir ja alle, dass intensive Erfahrungen zum Leben dazu gehören. Mehr noch: Dass sie das Leben als Mensch ausmachen.

 

Wäre da nicht das Menscheln.

 

Menscheln heißt, dass menschliche Schwächen deutlich werden. Jetzt könnte man aus einer übergeordneten Sicht heraus sagen, dass alleine der Glaube, ein Mensch zu sein, schon eine Art von Schwäche darstellt. Aber das trifft nicht zu. Der Glaube - einfach ein Mensch zu sein - ist nur ein Irrtum. Aber dieser Irrtum beruht auf dem Menscheln. Und wenn schon Schwäche, dann diese:

 

Wer “menschelt” identifiziert sich mit den eigenen Gedanken und Gefühlen und definiert sich über seine Prägungen und Vorstellungen. Wer sich hingegen bewusst als Mensch erfährt, fühlt ein Streben in sich, sich selbst zu entdecken und wächst nach und nach just über das Mensch-Sein hinaus.

 

An dieser Stelle möchte ich wieder darauf hinweisen, dass wir in unserem Denken und Fühlen zu ca. 95% das Ergebnis unserer Vorfahren sind und deren energetische Abdrücke und Prägungen einfach nur in uns weiterleben. Es braucht viel Wissen über das Leben und die Erfahrungen, Wünsche und Hoffnungen unserer Eltern und Vor-Eltern, um die Parallelen eindeutig sehen zu können. Es braucht viel Einblick in die Gefühlswelt der Vorfahren, um das eigene Leben als Produkt und logische Konsequenz der Vorfahren zu erkennen. Aber im Grunde ist es egal, ob man darüber Bescheid weiß oder nicht, denn das Wissen darum alleine wird das eigene Leben nicht verändern, maximal ein wenig verständlicher machen. Selbst die psychische und spirituelle Arbeit an einem Selbst wird dadurch weder weniger noch anders. Und vor allem soll dieses Wissen nicht dazu führen, dass man sich als Opfer der Vorfahren sieht. Warum man das nicht ist und wie es sein kann, dass niemand niemandes Opfer ist und was man tun kann, ergibt sich aus den kommenden drei Blogeinträgen dieser Serie und natürlich auch aus den Arbeitsanregungen und Impulsen, die ich zusätzlich gebe.

 

Zu diesem Blog und dem eben Geschriebenen kannst du hier nachlesen / üben, warum du kein Opfer bist und warum du nicht dein Denken bist - mehr noch: Nicht sein kannst!

 

Das Ausmaß der Anhaftung an die eigenen Gedanken, Gefühle und an die Prägungen und Vorstellungen entsprechen dem Ausmaß des eigenen Egos. Je mehr man sich mit dem, was “menschlich” ist, identifiziert, umso größer ist das Ego. Das Ego - man kann es nicht oft genug sagen - ist ein anderes Wort für Angst und stets bemüht, Gefahren im Äußeren zu erkennen, um sich nach innen hin abzusichern und zu schützen. Das Ego hat Angst vor Verlust, Schaden, Schmerz und Tod - denn nur das, was sein eigenes Ende fürchtet, kann sich vor etwas grauen. Damit ist nur das Ego in der Lage, sich die Zukunft schwarz auszumalen oder an der Vergangenheit zu hängen. Wie könnte es auch anders sein? Wenn man Angst ist, kann man nur Angst leben.

 

Aber das Ego ist nichts Schlechtes und macht uns auch das Leben nicht schwer. Es ist der Anteil in uns, der uns zeigt, welche Prägungen wir haben und wovon wir uns lösen sollten. Gäbe es die Auswüchse des Egos nicht, würde ja keiner von uns wissen, was ihn hindert, ein freies Leben zu führen. Also seien wir dankbar für das Ego und seine Auswirkungen in dieser Welt der Gegensätze: Erst, wer das Ego als Angst erkennt und seine Mechanismen durchschaut - was viel Achtsamkeit den eigenen Gedanken und Gefühlen gegenüber erfordert - gelangt zu inneren Frieden und einer neuen Form von Liebe. Es ist völlig in Ordnung, Irrtümer und sogenannte Fehler zu machen. So lernt man für die Zukunft, dem eigenen Denken gegenüber achtsamer zu sein.

 

Menschen leben aus einem breit aufgestellten Konstrukt diverser Prägungen und Glaubenssätze heraus. Das ginge auch anders.

 

Es geht also nicht darum, lieber Leser, das Mensch-Sein aufzugeben oder zu glauben, es gäbe da etwas zu lösen: Du bist eine Form, die hier in einer speziellen Art und Weise erscheint, als Teil des Ganzen. Eine jede Form ist gleich nötig, gleich bedeutend und gleich wertvoll. Eine jede Form ist ein Teilausdruck eines universellen Gefüges und alleine dadurch schon in sich perfekt. Nur das Menscheln macht es schwierig.

 

Im nächsten Blog geht es um den ersten, sehr wichtigen und hilfreichen Schritt zur Bewusstseins-Entfaltung: die Beobachtung.