Sonntag, 10 November 2019 08:13

Gewahrsein und Ich-Losigkeit

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Im letzten Teil der Kurzserie zur Entfaltung des Gewahrseins beschäftigen wir uns mit der Ich-Losigkeit und was sie bewirkt.

Damit die weiteren Ausführungen leichter zu erfassen sind, wiederhole ich ein paar Aussagen des letzten Blogeintrages zum Gewahrsein (Zum Nachlesen, hier Teil 1, Teil 2, Teil 3):

 

… Versuche die Vorstellung loszulassen, eine Grenze oder Trennung zu brauchen. Versuche in einen Zustand der Annahme zu gelangen und Angst zu lösen, gleich welche. Auch die Angst (die nicht allen bewusst ist), dass alles, was kommt, auch wieder gehen muss, dass alles Geburt und Tod erfährt. Mehr noch, dass in der Geburt der Tod desselben schon beheimatet ist.

 

Erst, wenn auf Grenze und Trennung verzichtet wird und Grenze und Trennung nicht mehr erfahren werden, ist man völlig frei von Projektionen (Bezügen) und erst dann hat man die Schwelle zum Gewahrsein überschritten ...

 

Nun stelle dir vor, du bist im Bewusstsein des Gewahrseins oder vielleicht geschieht es dir schon ohnedies, dass du immer wieder in diesen Zustand gerätst. Was hindert dich daran - selbst, wenn du bereits in der Lage bist auf Grenzen und Trennung zu verzichten - vollends in das Sein einzusteigen, dass alles umfasst? Ich kann es dir sagen: Du glaubst dennoch an ein Ich. Gut, du magst in diesen Momenten keine Trennungen mehr wahrnehmen und du magst dich “Eins” fühlen mit allem, was ist. Aber DU fühlst dich immer noch als Individuum. Noch gibt es dich. Und etwas hält dich.

 

Wo kommt dieses ICH - selbst im Gewahrsein - noch her?

 

Zuerst aus dem Glauben, individuell zu sein. Das Wort “Individualität” wird falsch verwendet und es wird - vor allem in unseren Zeiten - so sehr auf die Individualität gepocht, dass es eine übergroße Bedeutung erfährt. Individuell zu sein, ist ein Anspruch, dem sich viele verschrieben haben. Und über diesen Anspruch hinweg, hat man völlig vergessen, was Individualität wirklich bedeutet: Es heißt “Einzelding” und auch “Unteilbarkeit”. Aber sagen wir statt “einzelnes Ding” lieber “einzig” oder “Einzigartigkeit” - denn so sind wir es mehr gewohnt.

 

Dass Individualität mit “einzig” zu tun hat, wissen natürlich sehr viele. Aber wieviele haben schon begriffen, dass sie gar nicht individuell sein können, sondern sich nur zu einer anderen Person im Aussehen, im Charakter, in den Erfahrungen, in den Gedanken, Gefühlen und dem Umgang damit unterscheiden?

 

Man ist nicht in seiner Art einzig (und damit besonders / individuell), man ist einfach anders.

 

All das wird mit Milliarden von Menschen geteilt, wenn es auch ein jeder auf seine Weise (also unterschiedlich) erlebt. Niemand ist derselbe oder gleicht dem andern, ein jeder (und alles) ist unterschiedlich. Aber niemand ist oder kann jemals in seiner Art einzig sein, bloß unterschiedlich.

 

Das mag jetzt auf manche banal klingen, so, als ob es bedeutungslos wäre, sich als Individuum zu empfinden oder sich als individuell zu betrachten, weil man ohnedies weiß, dass man einer Art, einer Gattung einer Lebensform angehört. Aber das ist es nicht. Es macht sogar einen sehr großen Unterschied im Bewusstsein aus, ob man sich als individuell erfährt und damit immer im ICH bleibt (Ich bin individuell / einzig) oder ob man sich als eine Differenzierung erlebt, denn damit wird einem schlagartig klar, dass man selbst ein Ausdruck ist.

 

Ein Ausdruck, ein Aspekt von etwas.

 

Und dieses etwas ist die Gesamtheit, das Göttliche.

 

Und man selbst ist EIN Ausdruck, der sich nun zeigt.

 

Etwas drückt sich aus.

 

Etwas drückt sich anders aus.

 

Etwas drückt sich durch die Person aus, die man IST.

 

Und es gibt noch sehr viele weitere Ausdrucks- und Lebensformen - man braucht sich nur umzusehen. Eine unglaubliche und berauschende VIelfalt tut sich plötzlich auf, wenn man von der Individualität abrückt und sich stattdessen als das erkennt, was man ist:

 

EIN AUSDRUCK. Oder auch: EIN ASPEKT.

 

Aber damit nicht genug: Das alles (einfach) ein Ausdruck, ein Aspekt ist, zeigt sich auch in den Erfahrungen, Erlebnissen, Meinungen, Gedanken und Gefühlen. Man kann das Bewusstsein darüber, ein Ausdruck zu sein und kein Individuum, bis ins Kleinste runterbrechen und wird erkennen, dass nichts individuell ist, sondern immer nur einen Aspekt wiedergibt bzw. sich ausdrückt. Wie schön!

 

Denn so erfährt man, dass man EINS und ein GANZES ist. Etwas, was im Bewusstsein der Individualität nicht möglich ist.

 

Alle, die als Erstreaktion weiterhin auf ihre Individualität pochen, lassen sich vom Ego und seinem insgeheimen Wunsch, besonders zu sein (weil es immer auf der Suche nach Liebe ist) und vom Glauben des Egos sich schützen zu müssen (weil es immer verletzbar und in Gefahr ist), mitreissen. Von daher ...

 

… Bitte versuche dich einer Vorstellung zu öffnen:

 

Stell dir vor, wie anders deine Empfindungen dir selbst, anderen und dem Leben gegenüber wären. Und um wie vieles leichter du ins Gewahrsein (frei von Projektion und Trennung) kämst, würdest du dich als differenziert / Ausdruck und nicht als individuell / einzig erleben!

 

Der Irrtum zum Loslassen

 

Der zweite Punkt, warum es schwer ist in die Ich-Losigkeit zu kommen ist der, dass Menschen glauben, dass sie es sind, die loslassen oder loslassen müssten. Dem ist nicht so. Der Ich-Mensch ist nicht in der Lage etwas loszulassen. Nicht wir lassen los, sondern “es” lässt uns los. Wie soll ein “Ich” etwas zur Gänze loslassen können? Wo doch eine Ich-Wahrnehmung immer mit dem Ego verknüpft ist, mit dem Glauben individuell zu sein. Somit will die Ich-Wahrnehmung nur loslassen, was vermeintlich beeinträchtigend und / oder schädlich ist. Darin zeigt sich der Widerstand, zu etwas, das existiert: Zum Beispiel der Widerstand zu einem Menschen, zu einer Sache, zu einer Situation.

 

Hingegen: Jemand, der sich als Ausdruck erfährt, hat keinen Widerstand zu etwas, was auch noch da ist. Denn das andere wird ebenso als Ausdruck erlebt. Damit sind beide Parteien einfach nur Aspekte, keine Feinde und nichts, was sich gegenübersteht. Damit muss auch nichts losgelassen werden.

 

Durch diese Hingabe an das, was ist, baut sich ein Feld von völliger Annahme und Liebe auf, denn alles darf sein. Es gibt keinen Widerstand. Das,was normalerweise das Ego gerne loslassen / lösen möchte, wird voll und ganz angenommen. Es wird mit Liebe durchdrungen und lässt sich damit selbst los, denn es gibt keine Möglichkeit und keinen Grund mehr, weiter in der alten Ausdrucksform zu existieren. “Es” hat losgelassen.

 

Um mehr in die Ich-Losigkeit zu kommen, kann es helfen, sich selbst in Frage zu stellen.

 

Wenn man den Gedanken zulassen kann, eine Ausdrucksform und kein Individuum zu sein, kann einem folgende Aussage darin unterstützen, sich noch ein Stück weiter in die Ich-Losigkeit zu bewegen:

 

Ich erwarte nicht, dass es mich gibt.

 

Denn nur etwas individuelles, etwas einzigartiges und nur das Ego haben Erwartungen. Alles andere existiert einfach. Alles andere drückt sich aus und darf sein.

 

Das Leben ist als AUSDRUCK um vieles bunter, ausdrucksstärker, vielfältiger, freudvoller, spannender und entspannender - und durch die neue Betrachtungsweise auch deutlich weniger leidvoll. Im Gegensatz zu einem Leben, in dem man aufgrund der Individualität, die mit Ich-Bezug und Ich-Projektion einhergeht, immer um sich fürchten muss.

 

Ein Leben in Gewahrsein lässt einem den unerschöpflichen Reichtum des Lebens erst wirklich erkennen, wie auch die eigene Unsterblichkeit und die endlose, raum- und zeitlose Existenz des eigenen Seins.

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